Offener Brief: Erster Umweltbericht der Flughafen Stuttgart GmbH
Sehr geehrter Herr Schoefer,
Es ist gut, dass der Flughafen Stuttgart einen Umweltplan vorgelegt hat. Der Flughafen ist mit 9.500 direkt Beschäftigten ein wichtiger Arbeitgeber und eine wichtige Infrastruktureinrichtung für die Wirtschaft und die Bevölkerung im Raum Stuttgart. Für viele der Menschen auf den Fildern stellt er jedoch zugleich einen Belastungsfaktor dar (Lärm, Abgase, Verkehr, Flächenverbrauch) und er verunsichert die Bevölkerung auf den Fildern immer wieder durch seine Expansionspläne (Westerweiterung, zweite Start- und Landebahn). Hinzu kommt die globale Bedrohung durch die Klimaveränderung, die durch den weltweit zunehmenden Flugverkehr maßgeblich beschleunigt wird. Für die FSG kommt zur Verantwortung für das wirtschaftliche Umfeld die Verantwortung für die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger auf den Fildern und für die Umwelt hinzu.
Eine Analyse der vom Flughafenbetrieb ausgehenden Umweltbelastungen ist ein wichtiger Schritt, um daraus konkrete Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen abzuleiten. Entsprechend haben Sie bereits erste Ziele formuliert, die hinterfragt werden können, an denen Sie sich zugleich aber auch messen lassen müssen.
Handlungsfeld Klimaschutz
Ihre Ausführungen relativieren leider die erhebliche Mitverantwortung des Flugverkehrs für den Ausstoß klimaschädlicher Gase. Im Umweltbericht wird davon gesprochen, dass der Flugverkehr mit zwei bis drei Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes zu Buche schlägt. Dabei wird verkannt, dass der Ausstoß von CO2 und anderen Substanzen in der Atmosphäre um den Faktor zwei bis fünf stärker auf das Klima wirken als entsprechende Emissionen am Boden. Die Stoffe verbleiben darüber hinaus bis zu 100 Jahre in der Atmosphäre und bewirken Umweltschäden. Ein erster Schritt hin zu einem wirksamen Klimaschutz hätte also zunächst einmal die Anerkennung nicht unerheblicher Klimaschäden durch den Flugverkehr sein müssen.
Die FSG möchte bis 2020 den CO2-Ausstoß um 20 Prozent verringern. Dies ist durchaus ehrgeizig, zumal als Basisjahr das Jahr 2009 gewählt wurde, das krisenbedingt ein relativ schwaches Flugjahr war. Allerdings bezieht sich das Ziel nur auf die „direkt beeinflussbaren“
Kohlendioxidemissionen, die gerade einmal acht Prozent der dem Flughafen zugeordneten Klimagase ausmachen. Daher sollte die FSG dem Beispiel anderer Flughäfen (München, Köln und Frankfurt) folgen und die (erfolgreichen) lärmbezogenen Landegebühren durch einen CO2-abhängigen Zuschlag ergänzen. Die beschränkten Möglichkeiten eines einzelnen Flughafens zur Verringerung der CO2-Emissionen im Flugverkehr verdeutlichen den Handlungsbedarf (z. B. Beseitigung der umsatzsteuerlichen Bevorzugung des Luftverkehrs vor anderen Verkehrsträgern im internationalen Verkehr), dem sich politische Verantwortungsträger stellen müssen.
Handlungsfeld verkehrliche Erschließung
Im Umweltbericht wird an mehreren Stellen die mit Stuttgart 21 geplante Schienenanbindung im Fern- und Regionalverkehr hervor gehoben. Der Anschluss an den Schienenfernverkehr wird die Umweltbilanz jedoch aus zwei Gründen trüben: Erstens rechnet die FSG durch die Erweiterung des Einzugsgebietes mit einer Steigerung der Fluggastzahlen um 1,5 Millionen (dies entspricht einem Zuwachs um 15 Prozent gegenüber dem Jahr 2008). Zweitens soll zugunsten der Fernverkehrszüge der Fahrplan der S-Bahn-Linie S 3 ausgedünnt werden. Dadurch verschlechtert sich die Erreichbarkeit des Flughafens durch Beschäftigte und durch Fluggäste aus dem nahen Umfeld.
Handlungsfeld Energieversorgung
Der Flughafen verbraucht jährlich 46 Millionen Kilowattstunden Strom - die Tendenz ist in Abhängigkeit der Fluggastzahlen steigend und eine Stromeinsparstrategie ist nur ansatzweise zu erkennen. Die Verbrauchsmenge entspricht der aller Bürgerinnen und Bürger von Bernhausen und Echterdingen. Im Wärmebereich hingegen ist eine deutliche Energieeinsparung von 25 Prozent Ausdruck erfolgreicher Bemühungen.
Dass die FSG mit einer 971 Kilowattpeak leistungsstarken Solarstromanlage einen Teil ihres benötigten Stroms selber umweltfreundlich erzeugt und ein altes Heizkraftwerk durch ein modernes Blockheizkraftwerk ersetzt, ist sinnvoll und begrüßenswert. Neben der Einsparung von Strom könnte sich aus unserer Sicht der gezielte Bezug von Ökostrom positiv auf die CO2-Bilanz auswirken.
Handlungsfeld Müll
Die FSG hebt die in der Tat enorm hohe Recyclingquote von 97 Prozent positiv hervor. Doch leider scheint die erste Priorität, nämlich die Müllvermeidung, eine deutlich untergeordnete Rolle zu spielen. Die Entwicklung einer Strategie zur Müllvermeidung ist aus Umweltsicht geboten. Außerdem wäre interessant zu wissen, in welchem Ausmaß am Flughafen recycelte Materialien (beispielsweise in Büros und im Gastronomiebereich) eingesetzt werden.
Der Flughafen München hat kürzlich erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Er greift neben den ökologischen auch soziale und ökonomische Belange auf. Dieser könnte im Sinne eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsberichtes Vorbild für „unseren“ Flughafen auf den Fildern sein.
Einige der im Umweltbericht beschriebenen Maßnahmen, die zur Umsetzung vorgesehen sind, klingen viel versprechend: So beispielsweise der Aufbau eines Umweltinformationssystems, die Trennung der Lärmmessungen in Start- und Landepegel zur weiteren Verringerung der Lärmbelastung sowie der Ausbau des Energiemanagements mit dem Ziel von Energieeinsparungen und CO2-Vermeidungen. Dem nächsten Umweltbericht mit dann - so jedenfalls unsere Erwartung - weiteren konkret umgesetzten bzw. geplanten Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen darf also mit Spannung entgegengeblickt werden …
mit freundlichen Grüßen
Matthias Gastel









